Einleitung

In vielen industriellen Kontexten wird oft als selbstverständlich angesehen, dass bei gleicher Schraube, gleichem Anzugsdrehmoment und gleicher Vorgehensweise das Endergebnis immer identisch ist. Diese Annahme wirkt beruhigend, da sie den Entscheidungsprozess vereinfacht und die scheinbare Komplexität der Montage reduziert.

In der Praxis können jedoch zwei scheinbar identische Verbindungen sehr unterschiedliche Vorspannkräfte erzeugen, mit direkten Auswirkungen auf Zuverlässigkeit, Sicherheit und Lebensdauer. Das Problem liegt selten in der einzelnen Schraube selbst; häufiger betrifft es die Wiederholgenauigkeit des Anziehprozesses – ein entscheidender, aber in vielen industriellen Anwendungen noch unterschätzter Aspekt.

Wiederholgenauigkeit beim Anziehen: eine Frage des Prozesses

Die Wiederholgenauigkeit beim Anziehen beschreibt die Fähigkeit, bei wiederholter Durchführung desselben Schraubvorgangs unter denselben Betriebsbedingungen mechanisch gleichwertige Ergebnisse zu erzielen. Mit anderen Worten bedeutet dies, sich auf Verbindungen verlassen zu können, die sich im Laufe der Zeit vorhersehbar und konsistent verhalten.

Theoretisch sollte das Anlegen eines nominalen Anzugsdrehmoments stets dieselbe Vorspannkraft gewährleisten. In der Realität wird das Drehmoment jedoch indirekt in eine axiale Kraft umgewandelt, die stark von variablen Einflussfaktoren abhängt und zu Streuungen führt. Aus diesem Grund kann selbst bei Anwendung desselben Drehmoments die tatsächlich erreichte Vorspannkraft in der Schraube erheblich variieren.

Dieses Thema steht in engem Zusammenhang mit den Inhalten des Artikels Sicheres Anziehen planen: Die Bedeutung des Anzugsdrehmoments, in dem erläutert wird, warum das Drehmoment nicht als absoluter Wert betrachtet werden kann, sondern stets im jeweiligen Anwendungskontext interpretiert werden muss.

 

Anziehvorschrift und Anziehprozess: Was sich tatsächlich unterscheidet

Beim Thema Anziehen werden die Begriffe „Vorschrift“ und „Prozess“ häufig als Synonyme verwendet. Tatsächlich bezeichnen sie jedoch zwei unterschiedliche Ebenen, und ihre Verwechslung führt leicht zu falschen Schlussfolgerungen.

Die Anziehvorschrift ist die Gesamtheit der formalen Anweisungen, die festlegen, was zu tun ist und mit welchen Parametern. Dazu gehören beispielsweise auf einer Zeichnung, in einer Stückliste oder in einer Montageanweisung festgelegte Angaben wie die zu verwendende Befestigungsart, das nominale Drehmoment, die Anzugsreihenfolge, das vorgesehene Werkzeug sowie Hinweise zu Schmierung oder Zwischenarbeitsschritten. Die Vorschrift ist festgelegt, dokumentiert und sollte theoretisch von jedem reproduzierbar sein.

Der Anziehprozess hingegen beschreibt das, was tatsächlich geschieht, wenn diese Vorschrift in der Produktion umgesetzt wird. Er umfasst alle Variablen, die das Endergebnis beeinflussen – auch wenn sie nicht ausdrücklich benannt sind: die reale Reibung in den Gewinden und unter dem Schraubenkopf, der tatsächliche Oberflächenzustand der Bauteile, die Chargenstreuung, Umgebungsbedingungen, der Kalibrierzustand der Werkzeuge, die Anziehgeschwindigkeit, der Bediener, Kontrollen sowie mögliche Korrekturmaßnahmen. Kurz gesagt: Die Vorschrift beschreibt die Absicht; der Prozess bestimmt das Ergebnis.

Aus diesem Grund ist es möglich (und häufig der Fall), dass eine Vorschrift „auf dem Papier“ korrekt ist, während der tatsächliche Prozess instabil bleibt. Genau in dieser Diskrepanz entsteht der Verlust an Wiederholgenauigkeit.

 

Praxisbeispiel

Nehmen wir eine Verbindung mit einer scheinbar klar definierten Vorschrift an: M10-Schraube, Festigkeitsklasse 8.8, Anziehen mit 50 Nm mittels Drehmomentschlüssel. Auf dem Papier ist alles eindeutig festgelegt.

Im realen Prozess können jedoch verschiedene Variablen das Ergebnis verändern: Schrauben mit unterschiedlichem Reibungsverhalten zwischen Chargen, Unterlegscheiben mit ungleichmäßiger Oberflächenbeschaffenheit, ein nicht mehr exakt kalibriertes Werkzeug oder Bediener, die zwischen Schichten mit leicht unterschiedlichen Einstellungen und Zeiten arbeiten. Die Vorschrift bleibt identisch, doch die erzielte Vorspannkraft kann spürbar variieren.

Diese Unterscheidung ist wesentlich, da sie den Fokus vom „Einhaltens eines Wertes“ auf das „Beherrschen der Variabilität“ verlagert: Die Wiederholgenauigkeit hängt nicht allein vom eingestellten Parameter ab, sondern von der Stabilität des Prozesses, der ihn erzeugt.

 

Einflussfaktoren, die die Wiederholgenauigkeit beeinträchtigen

Eine geringe Wiederholgenauigkeit ist nahezu nie auf einen einzelnen isolierten Faktor zurückzuführen, sondern entsteht durch das Zusammenspiel vieler scheinbar nebensächlicher Variablen.

Eine zentrale Rolle spielt die Reibung – sowohl im Gewinde als auch unter dem Schraubenkopf. Ein erheblicher Anteil des aufgebrachten Drehmoments wird zur Überwindung dieser Reibung aufgewendet und nicht in nutzbare Vorspannkraft umgewandelt. Bereits geringe Änderungen des Reibungskoeffizienten können erhebliche Unterschiede in der axialen Spannung der Schraube verursachen.

Hinzu kommt der Oberflächenzustand der Bauteile. Schutzbehandlungen, Beschichtungen, beabsichtigte oder unbeabsichtigte Schmierung sowie Lagerbedingungen beeinflussen das Verhalten der Kontaktflächen zwischen Schraube und Bauteil. Zwei formal identische Schrauben, die jedoch aus unterschiedlichen Chargen stammen oder unter verschiedenen Bedingungen gelagert wurden, können beim Anziehen unterschiedliche Ergebnisse liefern.

Ein weiterer häufig unterschätzter Aspekt betrifft die Geometrie der Kontaktflächen. Ebenheit, Steifigkeit der verbundenen Materialien und die Qualität der Unterlegscheiben beeinflussen die Lastverteilung innerhalb der Verbindung. Wie bereits im Artikel Qualitätsmuttern und -schrauben: Schlüsselfaktoren für ein perfektes Anziehen hervorgehoben, ist die Bauteilqualität kein abstraktes Konzept, sondern eine funktionale Variable, die die Leistungsfähigkeit der Verbindung direkt beeinflusst.

Schließlich darf die Anziehmethode nicht unterschätzt werden. Manuelle, elektrische oder pneumatische Werkzeuge, ihr Kalibrierzustand, die Anziehgeschwindigkeit und sogar der Bediener führen zusätzliche Variabilität ein. In diesem Sinne ist die Wiederholgenauigkeit in erster Linie eine Frage des Prozesses – noch vor dem Produkt selbst.

 

Industrielle Folgen geringer Wiederholgenauigkeit

Ist das Anziehen nicht wiederholgenau, beschränken sich die Auswirkungen nicht auf das einzelne Bauteil, sondern betreffen das gesamte Produktionssystem. Überlastete Verbindungen können zu dauerhaften Verformungen oder vorzeitigem Versagen führen, während unterbelastete Verbindungen anfälliger für Lockerungen, Vibrationen und ungeplante Wartungsmaßnahmen sind.

Aus organisatorischer Sicht erschwert eine hohe Variabilität die Standardisierung des Prozesses und mindert die Wirksamkeit der Qualitätskontrollen. Ist der vorgelagerte Prozess instabil, wird die nachgelagerte Kontrolle zu einem rein statistischen Filter und nicht zu einer echten Garantie für Zuverlässigkeit.

 

Wie sich die Wiederholgenauigkeit verbessern lässt

Die Verbesserung der Wiederholgenauigkeit bedeutet nicht zwangsläufig, den Prozess zu verkomplizieren, sondern ihn bewusster und kontrollierter zu gestalten. Ein erster Ansatz besteht in der konsistenten Auswahl der Befestigungskomponenten unter Festlegung von Werkstoffen, Fertigungsverfahren, Oberflächenbeschichtungen und Reibungskoeffizienten, um die Anzahl der Variablen im Befestigungssystem zu reduzieren.

Ebenso wichtig ist die klare Definition der Montagebedingungen, um zu verhindern, dass unkontrollierte Variablen in den Prozess gelangen. In kritischen Anwendungen muss die Wahl der Anziehmethode dem geforderten Zuverlässigkeitsniveau der Verbindung entsprechen und zulässige Toleranzen sowie Betriebsbedingungen berücksichtigen.

Diese Überlegungen führen naturgemäß zum Konzept der Befestigung als System, das in den kommenden Artikeln der VIPA Academy weiter vertieft wird. Dabei wird aufgezeigt, wie technische Entscheidungen Effizienz, Qualität und industrielle Organisation beeinflussen.

 

Wiederholgenauigkeit und technische Verantwortung

Wenn eine Gewindeverbindung ihre Funktion nicht korrekt erfüllt, wird die Ursache häufig im Bauteil selbst gesucht. In Wirklichkeit verteilt sich die Verantwortung in den meisten Fällen auf Konstruktion, Auswahl der Befestigung, Anziehmethode und Prozesskontrolle.

Die Beherrschung der Wiederholgenauigkeit bedeutet, technische Entscheidungen besser begründen zu können, das Betriebsrisiko zu reduzieren und die Vorhersagbarkeit des Verhaltens von Verbindungen im Zeitverlauf zu erhöhen.

 

Der Beitrag der VIPA Academy

Die VIPA Academy wurde als Plattform zur vertieften Auseinandersetzung mit der Welt der Befestigung geschaffen, mit dem Ziel, technisches Wissen, normative Referenzen und bewährte Praktiken weiterzugeben, die im Laufe der Zeit innerhalb industrieller Lieferketten entwickelt wurden.

Die Auseinandersetzung mit dem Thema Wiederholgenauigkeit beim Anziehen fördert ein reiferes Verständnis der Befestigung – nicht als isoliertes Element, sondern als Teil eines umfassenderen Systems, in dem Werkstoffe, Betriebsbedingungen und Montagemethoden gemeinsam das Endergebnis bestimmen.

Auf dieser kulturellen und technischen Perspektive basiert der Informationswert der VIPA Academy.

 

Fazit

Zwei identische Montagen sind in der industriellen Praxis fast nie wirklich identisch. Diese Realität anzuerkennen ist der erste Schritt, um zuverlässigere Verbindungen, robustere Prozesse und fundiertere technische Entscheidungen zu entwickeln.

In den kommenden Artikeln der VIPA Academy werden wir vertiefen, wie sich dieses Bewusstsein in eine strukturierte Methode überführen lässt – vom Befestigungssystem bis hin zu organisatorischen und lieferkettenbezogenen Auswirkungen.

 

Quellen und Referenzen

ISO 898-1 – Mechanical properties of fasteners made of carbon steel and alloy steel
https://www.iso.org/standard/60610.html

NASA – Fastener Design Manual (RP-1228)
https://ntrs.nasa.gov/api/citations/19900009424/downloads/19900009424.pdf

VIPA Technischer Katalog – Anzugsdrehmomente und Verhalten von Schraubverbindungen
Technische Referenzen verfügbar im Anhang zum Thema Anziehen des VIPA-Katalogs (aktuelle Ausgabe)

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